Für die meisten von uns bedeutet Sprache vor allem: sprechen und hören. Doch sie ist weit mehr als Klang – Sprache kann auch sichtbar sein. Die Gebärdensprache ist für Millionen Menschen weltweit die wichtigste Form der Kommunikation.
Im Alltag der meisten Menschen ist Gebärdensprache jedoch kaum präsent. Zeit also für einen kleinen Perspektivwechsel. Welche Regeln hat eine Sprache, die ohne Stimme auskommt? Wie funktioniert ihre Grammatik? Und warum unterscheidet sie sich so grundlegend von der gesprochenen Sprache? In diesem Beitrag zeigen wir, dass Gebärdensprache nicht nur spannend, sondern auch erstaunlich komplex ist.
Gebärdensprache – was ist das eigentlich?
Gebärdensprachen sind visuell-manuelle, eigenständige Sprachen. Sie bestehen aus festgelegten Gebärden, die durch Mimik, Gestik und Körperhaltung ergänzt werden. Weltweit benutzen gehörlose und stark schwerhörige Menschen Gebärdensprache für ihre alltägliche Kommunikation. Dabei sind Gebärdensprachen auf natürliche Weise entstandene, vollwertige, eigene Sprachen. Sie haben über Generationen hinweg ein umfangreiches Vokabular und eine jeweils ganz eigene Grammatik und Syntax entwickelt, die sich völlig von der der gesprochenen und geschriebenen Sprache unterscheidet. Und wie andere Sprachen entwickeln sich auch Gebärdensprachen ständig weiter.
Natürlich werden Gebärdensprachen auch von Hörenden gesprochen, um mit gehörlosen oder schwerhörigen Menschen kommunizieren zu können – und wie bei jeder anderen Fremdsprache gilt: Sie muss mühsam erlernt werden.
Gibt es nur eine einzige Gebärdensprache?
Nein. Es gibt weltweit etwa 200 verschiedene Gebärdensprachen sowie zahlreiche regionale Dialekte. Am weitesten verbreitet ist die American Sign Language (ASL), die nicht nur in den USA, sondern auch in Teilen der Karibik und Zentralamerikas sowie in einigen Ländern Asiens und Afrikas benutzt wird. In mehreren Staaten ist Gebärdensprache gesetzlich verankert, in Neuseeland und Südafrika ist sie sogar eine der offiziellen Amtssprachen.
Die vor allem in Deutschland, Belgien und Luxemburg verwendete Variante ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Etwa 200.000 Menschen, darunter rund 80.000 Gehörlose, sprechen sie dauerhaft oder gelegentlich. Sie wurde erst 2002 mit dem Behindertengleichstellungsgesetz (§ 6 und § 9 BGG) rechtlich anerkannt. Erst seitdem haben Gehörlose etwa bei behördlichen Angelegenheiten das Recht auf ein:en Gebärdensprachdolmetscher:in. Die späte Anerkennung und die lange Stigmatisierung sind Gründe dafür, dass die DGS landesweit nicht standardisiert ist und es zahlreiche regionale Dialekte gibt.
Hände, Mimik, Körper: So funktioniert Gebärdensprache
Gebärdensprache ist äußerst komplex und verfügt über ein enorm breites Ausdrucksspektrum. Auf diese Weise können sehr viele Informationen simultan ausgedrückt werden, weit mehr als mit einem einzelnen gesprochenen Wort.
1. Gebärden
Das Hauptelement sind, logisch, die Gebärden: Handzeichen, die durch Handform und -stellung, Bewegung und Position mit einer oder beiden Händen gebildet werden. Gebärden sind meist nicht statisch, sondern bestehen aus einer oder mehreren Bewegungen, deren Richtung und Geschwindigkeit die Bedeutung verändern können.
Die Gebärden werden vor dem Oberkörper im dreidimensionalen „Gebärdenraum“ ausgeführt: zwischen Hüfte und Kopf, von Schulter zu Schulter. Dieser Raum wird auf verschiedene Arten genutzt und spielt nicht nur für räumliche oder grammatische, sondern auch für zeitliche Aspekte eine Rolle: Gebärden für Zukünftiges (morgen, nächstes Jahr) weisen nach vorne, solche für die Vergangenheit (gestern, vor einem Jahr) nach hinten.
Viele Gebärden sind ikonisch, das heißt, sie stellen bildhaft das dar, was sie bezeichnen. Gebärden für Tätigkeiten zum Beispiel, etwa für „essen“ oder „trinken“, lassen sich oft auch von Menschen richtig interpretieren, die keine Gebärdensprache sprechen. Das heißt aber nicht, dass Gebärdensprache eine Art Pantomime ist!
2. Nicht manuelle Komponenten
Die Gebärden werden nicht isoliert verwendet, sondern von nicht manuellen Komponenten oder Markern begleitet, vor allem Mimik, Körper- und Kopfhaltung sowie Gestik. Mithilfe von Mundform, Blickrichtung, Augenbrauen oder der Haltung von Händen, Armen, Schultern und Kopf lassen sich zusätzliche Eigenschaften und auch grammatische Informationen ausdrücken. Diese Marker können etwa die Aufgabe von Adjektiven und Adverbien übernehmen, also etwa ein gebärdetes Substantiv oder Verb mit bestimmten Eigenschaften unterlegen: Auf diese Weise kann also nicht nur gebärdet werden, dass jemand zu Fuß geht oder Auto fährt, sondern auch, wie: ob schnell, langsam, geradeaus, in Schlangenlinien usw.
Hat Gebärdensprache eine eigene Grammatik?
Ja, jede Gebärdensprache besitzt eine eigene Grammatik und Syntax. Weil Gebärdensprachen sich auf natürliche Weise entwickelt haben, entstanden dabei jeweils eigene Regeln. Die besondere Komplexität – das Zusammenspiel verschiedener Ausdrucksmittel und die Möglichkeit, mehrere Informationen gleichzeitig zu vermitteln – zeigt deutlich, dass diese Regeln nicht dieselben sein können wie die der jeweiligen gesprochenen Sprache. Daher unterscheidet sich die Grammatik von Gebärden- und gesprochenen Sprachen stark. Hier ein paar Beispiele:
1. Satzstellung
Die Satzstellung in der DGS unterscheidet sich deutlich von der deutschen Lautsprache. Während im Deutschen die Reihenfolge meist Subjekt – Verb – Objekt lautet, ist in der DGS die typische Struktur Subjekt – Objekt – Verb:
Lautsprache: „Ich – kaufe – [ein] Buch.“
DGS: „Ich – Buch – kaufen.“
Bei Fragen ist die Satzstellung dieselbe wie bei Aussagesätzen. Ob es sich um eine Frage handelt und um was für eine Art von Frage, wird durch Mimik signalisiert – etwa durch Hoch- oder Zusammenziehen der Augenbrauen.
2. Wortarten
In der DGS gibt es insgesamt weniger Wortarten. Artikel fehlen ganz, Konjunktionen, Präpositionen oder Adverbien kommen nur selten vor. Ihre Funktion übernehmen meist die nicht manuellen Komponenten wie die Mimik oder die Richtung und Geschwindigkeit einer Gebärde.
3. Zeitformen
In der DGS haben Verben keine Zeitformen. Zeitliche Bezüge werden stattdessen entweder durch zusätzliche Wörter wie „gestern“ oder „morgen“ hergestellt oder durch räumliche Markierungen: Die senkrechte Ebene des Körpers steht für die Gegenwart, über die Schulter nach hinten weisende Gebärden oder Marker zeigen die Vergangenheit an und nach vorn weisende Gebärden oder Marker die Zukunft.
4. Deklinationen und Konjugationen
Während beim gesprochenen Deutsch Substantive, Verben oder Adjektive dekliniert oder konjugiert werden, also ihre Endung verändern, um Kasus, Genus usw. kenntlich zu machen, haben Wörter in der Gebärdensprache nur eine einzige, nicht veränderbare Grundform. Es gibt keine Deklinationen oder Konjugationen wie im gesprochenen Deutsch. Variabel sind stattdessen Aspekte wie Ort, Richtung und Geschwindigkeit einer Gebärde.
Was ist das Fingeralphabet?
Das Fingeralphabet ist keine bestimmte Form der Gebärdensprache, sondern eine Ergänzung. Es wird eingesetzt, um Wörter der Lautsprache zu buchstabieren – etwa Namen, Fremdwörter oder Begriffe, deren Gebärde man (noch) nicht kennt. Dabei werden mittels unterschiedlicher Handformen bzw. Fingerzeichen die Buchstaben des Alphabets dargestellt. Das Fingeralphabet ist also unmittelbar an die Laut- und Schriftsprache angelehnt. Dabei orientieren sich die Handzeichen immer am Alphabet der jeweiligen Landessprache und unterscheiden sich somit in den verschiedenen Ländern. In Deutschland gibt es beispielsweise eigene Zeichen für „ä“, „ö“, „ü“ oder auch „sch“.
In den meisten Ländern, unter anderem im deutschsprachigen Raum, wird einhändig buchstabiert, vor allem in Großbritannien und einigen Commonwealth-Ländern, werden dagegen die Buchstaben mit beiden Händen dargestellt.
Können Gehörlose von den Lippen lesen?
Nicht grundsätzlich – obwohl sich diese Vorstellung hartnäckig hält. Wer im Fernsehen Fußballstars beobachtet, die sich mit der Hand vor dem Mund unterhalten, könnte schnell meinen, Lippenlesen sei kinderleicht. Doch das stimmt nicht: Tatsächlich funktioniert es nur bei wenigen Buchstaben des Alphabets.
Bei Lauten, die am Gaumen oder noch weiter hinten gebildet werden – etwa c/ch/ck, d, e, g, h, j, k, r, t oder x –, ist Lippenlesen nahezu unmöglich. Andere Laute sehen sich im Mundbild so ähnlich, dass sie ebenfalls kaum zu unterscheiden sind, zum Beispiel m/b/p oder f/v/w. Einigermaßen gut zu erkennen sind lediglich die Vokale a, o und u. Probiert es doch einmal selbst!
Lippenlesen ist also eher ein Ratespiel – und keineswegs eine Fähigkeit, die man bei Gebärdensprachler:innen einfach voraussetzen kann. Wie gut jemand darin ist, hängt zudem stark von der Lebensumgebung ab, unter anderem davon, ob er oder sie in einer auch sprechenden oder in einer überwiegend gebärdenden Gemeinschaft aufgewachsen ist.
Kann ich als Hörende:r Gebärdensprache lernen?
Aber sicher. Wer neugierig geworden ist und sich selbst einmal an Gebärdensprache heranwagen möchte, hat hierzulande viele Möglichkeiten: Zahlreiche Volkshochschulen bieten Einsteigerkurse an, und online gibt es jede Menge Videos, in denen Gehörlose, Gebärdendozent:innen oder -dolmetscher:innen Gebärden erklären. Dort zeigen auch spannende Chor- oder Gesangprojekte eindrucksvoll, wie kreativ und lebendig Gebärdensprache eingesetzt werden kann.
Aber: Wie jede andere Sprache erfordert auch und gerade das Erlernen von Gebärdensprache Zeit und Geduld – und idealerweise regelmäßige Praxis. Anders als bei Lautsprachen braucht es für Gebärdensprache weniger ein „gutes Gehör“ oder ein Sprachgefühl für Laute, sondern vor allem Beobachtungsgabe und Offenheit. Gute Voraussetzungen für das Erlernen der Gebärdensprache sind daher Aufmerksamkeit für Körpersprache, Freude an visueller Kommunikation und die Bereitschaft, Mimik und Gestik bewusst einzusetzen. Gebärdensprache ist von Natur aus sehr expressiv – wer Spaß daran hat, Gefühle sichtbar zu machen und Körpersprache aktiv zu nutzen, wird es leichter haben als Menschen, die eher zurückhaltend auftreten. Aber gerade diese lernen mit Gebärdensprache perfekt, über ihren Schatten zu springen.
Fazit: Eine Sprache, die neue Welten öffnet
Gebärdensprache ist weit mehr als eine Sammlung von Handzeichen und schon gar keine Pantomime – sie ist eine eigenständige, lebendige Sprache mit eigener Grammatik, Kultur und Gemeinschaft. Sie zeigt, wie vielfältig menschliche Kommunikation sein kann, und eröffnet neue Perspektiven auf Sprache und Ausdruck an sich.
Wer sich näher damit beschäftigt, entdeckt eine faszinierende Welt voller Kreativität, Ausdruckskraft und Vielfalt. Und wer sie erlernt, gewinnt nicht nur ein neues Kommunikationsmittel, sondern auch einen Zugang zu einer Gemeinschaft, die ihre Sprache mit Stolz und Leidenschaft lebt.
Gebärdensprache ist damit ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass Sprache nicht nur gehört, sondern ebenso gut gesehen, gefühlt und erlebt werden kann.
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Auch wenn Gebärdensprache in unserem Alltag als Expert:innen für geschriebene Sprache keine direkte Rolle spielt: Sie zeigt doch eindrucksvoll, wie Sprache fasziniert – ob sichtbar oder geschrieben. Und genau diese Faszination treibt uns an. Falls du für deine schriftliche Kommunikation Unterstützung in Sachen Lektorat oder Übersetzungen benötigst, sind wir gern an deiner Seite. Sprich uns einfach an!



